Wir denken an Dich

Als er die Kajüte verließ, schlug ihm eine eisige Kälte entgegen. Schnell schloss er die Tür wieder hinter sich, zog die Luft einmal tief in die Lungen und ging langsam zum Vorschiff.

Alles war ruhig heute Nacht. Viel zu ruhig um hier den Heiligen Abend allein an Bord zu verbringen. Er dachte an seine Familie. Die beiden Kleinen hatten wohl gerade die Geschenke ausgepackt. Zu gern hätte er das Gesicht von Markus gesehen, bei  Auspacken der Rennbahn, die er sich so sehr gewünscht hatte. Mit seinen acht Jahren war der Junge schon ganz schön anspruchsvoll. Wahrscheinlich hatte er sofort angefangen alles aufzubauen.

Die Kälte hier auf dem Vorschiff drang unerbittlich durch die Kleidung. Er zog an seiner Zigarette und ging langsam hin und her. Die frische Luft tat gut und in der Kajüte kamen nur Wände langsam auf ihn zu.

Ob seine Frau wohl noch das Kleid bekommen hat, dass Silke sich gewünscht hatte? Wenn ja, dann veranstaltete die Sechsjährige sicher gerade eine kleine „Modenschau“. Er konnte sie richtig vor sich sehen. Sicher wird sie einmal eine wunderschöne Frau, dachte er. Mindestens so hübsch wie ihre Mutter. Hatte sich Claudia auch schon an das Auspacken des kleinen Geschenkes gemacht? Sicher hat sie mit der neuen Kette nicht gerechnet. Er wünschte sich, daß sie ihn jetzt in den Arm nehmen und ihm einen Kuß geben könnte.

Wie gern wäre er jetzt zuhause. Er würde vor dem geschmückten Baum sitzen und bei leiser Weihnachtsmusik seiner Familie beim Auspacken der Geschenke helfen. Er konnte die Musik richtig hören: „Stille Nacht, Heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht…“. Selten war ihm Weihnachtsmusik so schön vorgekommen.

Und es dauerte eine ganze Weile, bis ihm bewußt wurde, dass er den Klang der Strophen tatsächlich hörte. Es waren nicht seine Gedanken an zuhause, sondern es war Weihnachtsmusik hier in der Kälte des Hafens.

Immer stärker wurde die Musik und als er die beiden geschmückten Boote sah, die langsam durch den Hafen fuhren, dachte er daran, welch große Augen die beiden Kleinen wohl machen würden, wenn sie das erleben könnten. Dabei merkte er gar nicht mal, daß er selbst strahlend-feuchte Augen bekam.

Und dann war plötzlich eines der beiden Boote bei ihm. Jemand gab ihm ein kleines Päckchen, wünschte ihm ein frohes Weihnachtsfest und für das Neue Jahr in Gottes Namen allzeit gute Fahrt. Und er hatte das Gefühl am Weihnachtsbaum zu stehen und im Glanze der Kerzen die strahlenden Gesichter seiner Familie zu sehen. Es war als kämen die Boote direkt von zuhause und dieses kleine Päckchen in seiner Hand sollte ihm sagen: „Fröhliche Weihnachten, Papa, wir denken an Dich.“

Schon war das Boot weitergefahren und er ging langsam zu seiner Kajüte zurück. Die Leute, die da auf den Booten fuhren, kannte er nicht, aber sie hatten ihm gerade ein Stück zuhause gebracht.

In Gedanken umarmte er seine Familie und genoß die Wärme, die ihn empfing, als er die Kajütentür öffnete. „Danke“, schickte er den beiden Booten hinterher, „und fröhliche Weihnachten“.

(c) Hans-Peter Weyer

 

 

 

 

 

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